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Fahrt nach Estland (2010)
Am 07.07.2010 macht sich die lustige Truppe der WG Bordesholm auf den weiten Weg nach Estland. Wie kam es zu diesem tollkühnen Plan? Einer unserer Jugendlichen hatte zwei Jahre auf einem Bauernhof in Estland gelebt und gearbeitet. Der Kontakt bestand immer noch und allmählich wurden wir neugierig, wie es denn nun in diesem sagenumwobenen Vana-Vigala tatsächlich aussehen würde.
Es wurde also der Kontakt hergestellt und ein Quartier für uns geordert. Dies musste der Jugendliche selbstständig machen, da er als einziger der estnischen Sprache mächtig ist. Es wurde der günstigste Weg ausgegoogelt, eine Packliste erstellt, eingekauft, Kisten gepackt, Ausweise angefertigt usw. Dann war es soweit, der Bulli vollgepackt, vier Jugendliche und drei Betreuer setzten sich aufgeregt in Bewegung. Das Abenteuer konnte beginnen!
Leider war es nach wenigen Kilometern auch schon wieder zu Ende, der Wagen hatte keine Leistung mehr. Also zurück in die Werkstatt nach Bordesholm. Dort wurde ein defekter Unterdruckschlauch als Übeltäter entlarvt und ausgetauscht. Es konnte also weitergehen. Dass wir kurz hinter Schwarzenbek/Grande feststellen mussten, dass einige der Jugendlichen ihre Ausweispapiere vergessen hatten, fiel daher kaum noch ins Gewicht...
Also geht es durch den wilden Osten unserer Republik bis an die polnische Grenze. Hier kommen wir am späten Nachmittag an und nun fängt das Abenteuer erst richtig an! Die Grenze wird überquert, Geld getauscht und ab geht es über polnische Landstraßen in Richtung Baltikum. Die Sonne brennt vom Himmel und die Laune ist trotz der langen Fahrt prächtig. Allerdings kommt nun langsam der Hunger und unsere Jungs begehren lautstark darum gefüttert zu werden. Leider sehen die Schenken, an denen wir vorbeikommen, nicht sonderlich vertrauenserweckend aus. Also immer weiter Richtung Osten. Kurz bevor es zur Meuterei im Bulli kommt, finden wir einen polnischen Döner-Laden. Das ist die ersehnte Rettung! Denn nur satte Jugendliche sind gute Jugendliche!
Durch die Pleiten und Pannen am Anfang unserer Reise sind wir nun nicht mehr in der Lage rechtzeitig die Jugendherberge zu erreichen, die wir reserviert hatten. Nach längerem Debattieren wird beschlossen weiter zu fahren. Also nutzen wir die Nacht, abwechselnd wird gefahren und (mehr oder weniger) geschlafen. Im Morgengrauen ist die masurische Seenplatte erreicht, wunderschön im Morgenlicht, leider sieht es nur der Fahrer, die anderen schlafen. Ab jetzt sind Störche unsere ständigen Begleiter. Meister Adebar lebt dort noch in großen Mengen, die wir uns gar nicht mehr vorstellen können.

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Bald darauf ist die litauische Grenze erreicht und wenig später begrüßt uns Litauen mit allerfeinstem Schmuddelwetter. Es regnet und ist trostlos grau, die postsowjetische Gegenwart wirkt immer noch trübe und freudlos. Mittlerweile ist uns aber alles egal, wir wollen nur noch ankommen. In Lettland wird das Wetter wieder besser und auch die Umgebung sieht wieder freundlicher und auch etwas moderner aus. Dann endlich: die Grenze zu Estland! Wir sind da! Allerdings nicht ganz, zwei Stunden sind es noch bis zu unserem Ziel, dem Hof von Olev in Vana-Vigala.
Dort angekommen, stellt sich heraus, dass wir nicht, wie angekündigt, alle zusammen in dem großen Gästehaus unterkommen, sondern uns aufteilen müssen. Dirk zieht mitsamt zwei Jugendlichen in die Campinghütte unten am Fluss, Andreas und ich beziehen mit den anderen beiden Jugendlichen Quartier im Gästehaus. Hier befinden sich die sanitären Anlagen und der große Gemeinschaftsraum mit dem Billardtisch und anderen Annehmlichkeiten. Leider sind unsere Zimmer von jeglicher Luftzirkulation abgeschnitten und liegen direkt unter dem Dach. Bei Temperaturen, die über Tag fast konstant bei 30 Grad und mehr liegen, wird so jede Nacht zum großen Saunavergnügen. Aber auch die Gruppe am Fluss hat zu kämpfen und zu leiden! Hier schlagen die insektoiden Vampire gnadenlos zu und saugen unsere Helden fast leer.
Das gute Wetter wird uns die ganze Zeit begleiten und unser Leben spielt sich zum großen Teil bei der Campinghütte ab. Hier wird gegrillt, gechillt, Boot gefahren und geangelt, nebenan grast das Pferd, auf den Strommasten wohnen Störche – und über allem ein riesig weiter Himmel. Idylle pur und auch die Jungs kommen zur Ruhe, wir haben eine wirklich gute Zeit zusammen.
Wir machen eine Menge Ausflüge und erkunden die nähere und weitere Umgebung von Vana-Vigala. Zum Einkaufen müssen wir in den nächsten größeren Ort, der ungefähr zwanzig Kilometer entfernt ist. Hier bekommen wir alles für unsere abendlichen Grillabende am Lagerfeuer und unser Frühstück. Aufgrund des schönen Wetters finden die Mahlzeiten alle unter freiem Himmel statt, was dem Ganzen ein richtig südländisches Flair gibt. So verbringen wir auch einige Tage an den schönen Naturstränden der estnischen Nordküste und geben uns dem süßen Nichtstun hin! Aber auch die Kultur kommt nicht zu kurz, einen Tag fahren wir nach Tallin und schauen uns die historische Altstadt an.

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Besonders spannend ist eine geführte Wanderung durch ein riesiges Moor, die verwitterten Planken, auf denen man gehen muss, sorgen für ein leichtes Gruseln. Zur Belohnung und Abkühlung wartet dann aber ein klarer, kühler See auf die erschöpften Wandersleute.
Die Abende verbringen wir am Lagerfeuer oder bei Spieleabenden im Gemeinschaftshaus. Für einen der letzten Tage haben sich unsere Gastgeber Juri und Olev etwas Besonderes ausgedacht: Wir müssen zu einer estnischen „Olympiade“ antreten! Es gibt so exotische Disziplinen wie Gummistiefelweitwurf rückwärts oder Wagenradweitrollen. Alle haben viel Spaß und am Ende gibt es auch eine richtige Siegerehrung mit Medaillen.
Viel zu schnell ist die Woche rum und der Abschied fällt vielen doch schwer. Wir haben in der kurzen Zeit neue Freunde gewonnen, oder alte wiedergetroffen. Die Gastfreundschaft war groß und der Aufenthalt in Estland war schon ein ganz besonderes Erlebnis, sowohl für die Jugendlichen als auch für die Betreuer. Besonders war auch das enge Zusammenleben mit den Jugendlichen; durch das einfache und entschleunigte Leben rückten alle enger zusammen und man lernte sich abseits des Alltags in der Einrichtung noch einmal ganz anders kennen.
Die Rückfahrt verläuft ähnlich wie die Hinfahrt, viele, viele Stunden im Auto. In Warschau verfahren wir uns mitten in der Nacht einmal, was noch mal für Spannung sorgt. Aber auch diese Krise wird gemeistert und am Morgen des 17.07. kommen wir erschöpft, aber um viele schöne Eindrücke reicher, wieder in Bordesholm an.



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